Thema: Haben Behinderte Sex?
Louis
avatar
Beiträge: 1

verfasst:
3.May 2006 - 22:47

Diese Frage kann einen Nichtbehinderten in Verlegenheit bringen. Für Irritation sorgt nicht allein die Unkenntnis über die Lebensbedingungen von Behinderten, sondern die Vorstellung von Körpern, die nach den gängigen Schönheitsidealen alles andere als erotisch gelten. Sex findet zwischen Menschen mit strammen Brüsten, knackigem Po, breiten, muskulösen Schultern und Waschbrettbauch statt. Kleinere Unvollkommenheiten versucht man zu überdecken und werden mit einem beschädigten Selbstbewusstsein bestraft. Ein Buckel, unkoordinierte Motorik, deformierte Gliedmassen oder gar ein künstlicher Darmausgang liegen soweit ausserhalb der ästhetischen Normen, dass sich jede Assoziation mit Erotik verbietet.

Natürlichen haben Behinderte Sex. Warum auch nicht, denn eine körperliche oder geistige Abweichung vom Nichtbehinderten bedeutet schliesslich nicht, dass generelle menschliche Bedürfnisse nicht mehr vorhanden sind. Allerdings haben Behinderte es nicht immer einfach, Sex zu haben. Mit einem Rollstuhl kann man nicht so einfach in die Büsche oder auf den Rücksitz eines Autos verschwinden. Es fehlen oft die eigenen, sturmfreien Wohnungen und in Pflegeheimen wurden sexuelle Wünsche bis in die jüngste Zeit als Tabu angesehen. In den letzten Jahren ist zwar die Akzeptanz gewachsen, aber die praktischen Barrieren sind damit noch längst nicht beseitigt.

Für eine Reportage zum Thema Behinderte und Sexualität suche ich derzeit zwei oder drei körperlich behinderte Personen, die bereit sind, selbstbewusst und offen über ihre Sexualität Auskunft zu geben.

Mich interessieren dabei u.a. folgende Fragen: auf welche Hürden stösst man, wenn man sich zu seinen sexuellen Wünschen bekennt? Gelingt es, diese Hürden zu überwinden / zu umgehen? Wenn ja, wie? Bestehen diese Schwierigkeiten vor allem in der allgemeinen gesellschaftlichen Isolation oder mehr in der Ablehnung eines "nicht intakten" Körpers? Welche Enttäuschungen muss man in Kauf nehmen? Da Körper und Sexualität eng miteinander korrespondieren - wie erlebt man als Behinderter seine eigene Körperlichkeit? Gibt es eine eigene "Behinderten-Sexualität"? Welchen Blick haben Behinderte auf die "normale" Sexualität?

Mir liegt dabei sehr daran, das Thema nicht als Randgruppenproblematik darzustellen, sondern ich denke, "behinderte" Sexualität ist nichts anderes als eine der vielfältigen Formen von Sexualität.
Nick
avatar
Beiträge: 1

verfasst:
11.May 2006 - 16:56

Als erstes möchte ich sagen, dass ich 31 Jahre alt bin, und durch einen Motorradunfall querschnittgelähmt bin. Das heisst, dass ich sowohl Sexualität als Nichtbehinderter und Behinderter erlebt habe.

Für einen behinderten Mann/Mensch ist es alleine schon schwierig genug, den Wunsch nach Sexualität zu äussern. Viele machen ihre ersten Erfahrungen mit der Sexualität mit anderen Behinderten, z.B. wenn sie in eine spezielle Einrichtung wie ein Rehabilitationszentrum gehen, um dort eine Ausbildung zu erhalten. So zumindest ist meine Erfahrung.

Bei mir war die erste Frau, mit der ich nach meinem Unfall einen sexuellen Kontakt hatte ebenfalls querschnittgelähmt. Das machte die Sache für mich um einiges leichter, da ich ihr nicht lange erklärten musste, was bei mir geht oder nicht geht. Ich sammelte so Erfahrungen über mich selbst und welche Möglichkeiten mir als querschnittgelähmter Mann noch bleiben beim Verkehr.

Es ist für die Gesellschaft im allgemeinen eher schwierig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Sexualität hat sehr viel mit Ästhetik zu tun, und in einer Zeit, in der Schönheit, Jugend und Fitness gross geschrieben werden, bleibt man als Behinderter oft aussen vor.

Natürlich gibt es auch viele Menschen, für die eine Behinderung keine grosse Sache ist, wenn die Gefühle stimmen.

Was meiner Meinung nach auch eine sehr grosse Rolle spielt ist der Grad der Behinderung. Es gibt Rollstuhlfahrer, die einen sehr athletischen Körper haben, und es gibt Rollstuhlfahrer die eben dick und unattraktiv sind. Ebenso gibt es einen Unterschied ob jemand selbständig oder auf Hilfe angewiesen ist.

Ist jemand ein Pflegefall, dann sinken seine Chancen, jemanden zu finden mit dem er seine sexuellen Wünsche ausleben kann, rapide. Dieser Mensch muss dann erst einmal seinem Umfeld klar machen, dass er ein solches Bedürfnis hat. Stellen Sie sich vor, dass die wenigsten eine eigene Wohnung haben. Viele leben bei ihren Eltern oder in speziellen Einrichtungen. Hat er seinen Wunsch geäussert, bleibt immer noch die Frage wie er sich diesen erfüllen kann. Auf natürlichen Wege eine Frau/Mann zu finden ist oft sehr unwahrscheinlich. Bleibt also nur die Möglichkeit, mit Kontaktanzeigen zu arbeiten oder man sucht sich eine Professionelle.

Das mit den Professionellen ist wiederum so eine Sache. Die meisten Behinderte können auf Grund ihrer Behinderung keinen "normalen Sex " mehr haben. Das heisst, sie suchen eher jemanden der ihnen Zärtlichkeit gibt. Bei einer Professionellen kann man etwas in dieser Richtung nicht erwarten, da die Damen meist schnelles Geld machen wollen und sich nicht auf die Bedürfnisse eines Behinderten einstellen möchten. Wenn Sie es tun, geht der Preis meist sehr hoch, da kuscheln, streicheln in einer 1/4 Stunde nicht sehr viel bringt.

NC
Rocky
avatar
Beiträge: 2

verfasst:
15.May 2006 - 19:01

Das Thema Sexualtität und Behinderung ist sehr weit gefächert. Es kommt auf die Art der Behinderung und auch auf das Alter des oder der Betroffenen an. Und auch da gibt es wieder gravierende Unterschiede...wie im normalen Leben auch.

Zwischen Wunschdenken, Gefühlsausbruch und den Möglichkeiten der Umsetzung schwankt man und dazu kommt die Örtlichkeit. Das Auto ist denkbar ungeeignet wegen der eingeschränkten Beweglichkeit. Da stellt sich dann das Problem ein zwischen "Wollen" und "KÖNNEN".

Für die Anbahnung ist das Internet sehr hilfreich und da hat man die Wahl zwischen Ehrlichkeit, Umschreibung oder totale Aufklärung. Ich korrespondiere oft viele Wochen bis ich über die Behinderung spreche. Dann zeigt sicher erst welche Einstellung die Gesprächspartnerin hat und es wird alles leichter.

Wichtig ist bei der Sexualität natürlich auch auf was eine Partnerin steht und wie sie den SEX betreibt. Da ist es nicht andrers als bei Nichtbehinderten.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Erfolg beim Sex d.h.die Befriedigung. Frauen sind oft überrascht wenn sie feststellen mit welcher Ausdauer das Vorspiel betrieben wird und können nicht genug kriegen. Andere wieder kommen nur zur Sache und fertig.
Timo

Beiträge: 1

verfasst:
8.Jun 2006 - 23:03

In der heutigen Gesellschaft wird alles perfektioniert und dies mag vielleicht auch ein Grund sein warum jede dritte Ehe in Deutschland geschieden wird, weil die Menschen nach der ersten Verliebtheit merken, daß auch dieser Partner Fehler hat.

Ich stelle mir oft die Frage welche Chancen/Möglichkeiten hat da ein Mensch mit Behinderung, dem man seine Mängel oft schon von außen ansieht?? Viele Leute machen sich dann gar nicht mehr die Mühe nachzufragen.

Dieses Thema, wage ich aus eigener Erfahrung zu behaupten, ist für die meisten Behinderten eine schmale Gratwanderung, wenn Du mit deiner "Geilheit" oft nicht weißt wo hin.

Ich hab' es dann auch schon mal mit einer Prostituierten versucht, aber da fehlt einfach das gewisse Etwas.

Zu einer Beziehung gehören bekanntlich zwei und ich weiß nicht, ob ich es einer Frau, die ich wirklich liebe und die mich mag, zumuten würde diesen Schritt zu gehen oder ob ich aus Gründen der Angst, der eigenen Feigheit oder einfach nur, um sie vor unnötigen Problemen zu schützen, einen Rückzieher machen würde??

Auf jeden Fall gehört von beiden Seiten einiges an Mut dazu. Ich habe einen Kumpel (ebenfalls behindert) und der hat seit einigen Jahren eine feste Freundin und bei den beiden läufts wie mir scheint recht gut. Wenn sich beide Seiten Mühe geben klappt es also.
Schlappie

Beiträge: 1

verfasst:
12.Jun 2006 - 13:09

Ich bin von Geburt an behindert. Bei der Geburt wurden Teile des Gehirns mit Sauerstoff unterversorgt. Dadurch wurden Sprache, Feinmotorik und Gleichgewicht erheblich beeinträchtigt. Ich sitze im Rollstuhl, bin aber relativ gut in der Lage mich verbal mitzuteilen und habe mir eine gewisse Selbständigkeit erarbeitet insofern, als dass ich seit 10 Jahren in einer eigenen Wohnung lebe, und die Hilfe, die ich benötige, selbst organisiere, wie auch meine Freizeitgestaltung. Zu meinen Hobbys gehört u. a.: Elektrorollstuhlhockey, Konzertbesuche, Urlaub machen (Reisen innerhalb Europas z. B. London, Paris, Lanzarote, Korsika, Kreta, Holland, Ungarn), Kneipen- und Restaurantbesuche, auf Partys gehen.

Zur Sexualität von Behinderten kann man soviel sagen, dass die Chance für einen Körperbehinderten wie mich eine normale Sexualität mit Nichtbehinderten zu haben, äußerst gering ist, weil nach meiner Erfahrung viele Nichtbehinderte denken, dass Behinderte kein Sexualleben benötigen. Der andere Teil der Nichtbehinderten kann sich keinen Sex mit Behinderten vorstellen, wegen den Hemmungen in Bezug auf die Behinderung, die im Vordergrund steht.

Zu meiner eigenen Sexualität kann ich sagen:

ich betreibe Selbstbefriedigung in mehreren Arten. Ich habe schon eine Beziehung von zweieinhalb Jahren mit einer nichtbehinderten Frau gehabt (auch in sexueller Hinsicht). Diese Beziehung brachte neue Erfahrungen, vor allem im körperlichen Selbstempfinden. Zum Beispiel brachte ich die Missionarstellung fertig, was ich mir vorher nicht vorstellen konnte.

Nach Aussagen von ihr, gab es beim Geschlechtsverkehr keinen spürbaren Unterschied zu Nichtbehinderten.

Soweit zu meiner Person. Ich möchte aber ein paar kritische Fragen aufwerfen:

Zum Glück bin ich in der Lage, mich selbst zu befriedigen, aber es gibt schwerer Behinderte als mich, die ohne Hilfe sich nicht befriedigen können. Ich finde Sex ist ein Grundbedürfnis wie Essen und Trinken. Nach meiner Meinung sollte das Pflegepersonal Hilfestellung leisten dürfen, aber sie haben oft große Probleme damit, oder sind nicht bereit, teils wegen der rechtlichen Lage (Unzucht mit Abhänigen wie z. B. in Heimen), teils wegen bloßer Verklemmung.

In manchen Einrichtungen (vor allem in katholischen) ist das Thema Sexualität absolut tabu. Woher nehmen sich solche Einrichtungen das Recht heraus, diese Grundbedürfnisse den Behinderten zu verweigern?

Natürlich sehe ich schon die Problematik bei behinderten Frauen, wenn sie schwanger werden und die Frage im Raum steht, wie sie für das Kind sorgen können (bei Nichtbehinderten stellt sich niemand diese Frage!). Bei geistig behinderten Frauen ist die Frage noch problematischer.

Dürfen geistig behinderte Frauen zwangssterilisiert werden, um nicht schwanger zu werden?

Pro:
- Um gefahrlos Sex genießen zu können ohne die Folge der Schwangerschaft
- Um der Kinder willen, da die Gesellschaft Behinderungen aller Art leider fast gar nicht toleriert, und die daraus folgenden Probleme des Kindes können so vermieden werden.
- Bei Behinderungen durch Gen-Defekte, die auf ein Kind übertragen werden würden

Contra:
- Das Grundgesetz wird massiv verletzt durch so eine Maßnahme, denn die Würde des Menschen ist unantastbar. Eine Entfaltung der Persönlichkeit ist nicht gewährleistet, wie z. B. ein Kinderwunsch
- Außerdem würde diese Mentalität dem 3. Reich wieder ähneln, in der Menschen mit "Abnormitäten" keine Chance bekamen.

F.R.null
Maren
avatar
Beiträge: 2

verfasst:
17.Jun 2006 - 15:13

Ich bin 34 Jahre alt und habe seit meiner frühen Kindheit Rheuma mit einem sehr schweren Verlauf. Ich war 8 Jahre in der Verwaltung tätig und bin seit ca. 4 Jahren in EU-Rente.

6 Jahre lang lebte ich mit einem nichtbehinderten Partner zusammen. Damals schränkte mich meine Krankheit jedoch noch nicht sehr ein und äusserlich war auch nicht viel zu sehen. Seit 1994 lebe ich allein und hatte einige kurze Beziehungen. Seit 1996 hat meine Krankheit einen starken Trend bergab gemacht. Ich hatte zahlreiche Operationen und sitze inzwischen (je nach täglichen Befinden) im Rollstuhl. Dadurch hat sich natürlich mein Leben sehr verändert. Lange Zeit stand erst einmal im Vordergrund, mein Leben neu zu ordnen.

Parallel dazu fing auch eine Auseinandersetzung mit meiner neuen körperlichen Situation an. Ich fühlte mich nicht mehr als Frau und nicht mehr begehrenswert.

Ich konnte mir keine Partnerschaft und keinen Sex mehr vorstellen. Wer sollte mich noch anfassen wollen?! In dieser Zeit suchte ich sehr nach Lektüre, die mir weiterhelfen sollte, doch ich fand sie nicht. Mir wurde klar, dass die nichtbehinderte Gesellschaft mich für meinen Mut und meine Kraft achteten, aber mir auch jegliche Regung in Richtung Partnerschaft und Sexualität absprachen.

Ich bekam es auch im engsten Freundeskreis zu spüren. Ich war in ihren Augen zum Neutrum geworden.

Ich hinterfragte mich sehr oft, ob es eine Projektion meiner Gedanken sei. Wahrscheinlich beides zu einem gewissen Teil. In jedem Fall war diese Haltung natürlich für mein Selbstwertgefühl auch nicht gerade förderlich.

Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Ich kann mir eine Partnerschaft wieder vorstellen. Partnerschaft ist für mich eng mit Sexualiät gekoppelt. Denn für mich ist nur so eine erfüllte Sexualiät moeglich. Ich habe es auch anders versucht. Doch letztendlich diente es "nur" zur Triebbefriedigung. Das ist mir auf Dauer zu wenig.

Auf verschiedene Wege lerne ich immer wieder Männer kennen. Doch meist stellt sich sehr bald heraus, dass sie sich unterschätzt haben. Denn sie werden mit meiner Krankheit und den daraus resultierenden Problemen nicht fertig, bzw. möchten sich nicht näher damit befassen.

Dazu kommt, dass ich eine sehr selbstständige Frau bin, die weiss was sie will. Es kann sein, dass ich der Männerwelt manchmal zu stark erscheine. Das im Zusammenhang mit einer chronischen Krankheit scheint zu viel zu sein.

Früher gab ich oft viel meiner Persönlichkeit auf, um "geliebt" zu werden. Durch meine Biographie bin ich zum Glück sehr viel klüger geworden.

Trotzdem ist es schwer, einen deformierten Körper zu lieben, wenn einem das Gefühl ein ganz anderes Ideal eingibt. Aber ich denke, das ist eine lange Entwicklung dorthin und durchaus möglich.

Der Schlüssel zu guter Sexualität ist für mich in einem guten Gefühl für meinen Körper zu suchen. Anders ist das meines Erachtens nicht wirklich möglich. Doch das hat nun gar nichts mit einer Behinderung zu tun. Diese Einstellung täte "nichtbehinderten Menschen" auch ganz gut. Das Handicap macht vielleicht wahrhaftiger. Man muss sich viel näher einlassen. Sich über die Körperlichkeit hinwegsetzen.

Ich durfte diese Erfahrung vor einiger Zeit spüren. Ich lebte und erlebte nur den Augenblick. Und das machte mir meine innere Reife und die Möglichkeit bewusst. Wir leben doch als "Gesunde" meist eine ausgesprochen oberflächliche Sexualität.

Ich muss trotz allem immer meinen Körper und meine Bewegungen beim Sex kontrollieren, denn sehr viele Gelenke sind ausgesprochen schmerzhaft bei unbedachten Bewegungen. Das erschwert die Lage natürlich sehr. Aber es ist möglich und diese Möglichkeit sprach ich mir vor einiger Zeit noch ab, weil sie ausserhalb meines Vorstellungsfeldes war.

Maren K.
Carlos

Beiträge: 1

verfasst:
22.Jun 2006 - 17:17

Sexualität und Behinderung - in der öffentlichen Meinung eigentlich zwei Themen, die sich gegenseitig ausschließen, wie Feuer und Wasser! Aber die Realität ist nicht immer ganz so grausam! Wenn ich nach meiner Geschichte gefragt werde, so kann ich mit gutem Recht behaupten, daß der Wunsch nach einem Ausleben meiner Sexualität eine der Hauptantriebsfedern war, mich in meinem Leben nach meinen Möglichkeiten auf "eigene Füße" zu stellen. Nun warum?

Ich bin Spastiker. Das bedeutet, daß durch eine Sauerstoffunterversorgung meines Gehirns bei der Geburt die Feinmotorik weitgehend ausgefallen ist. In der Praxis heißt das, gezielte Bewegungen sind nur bedingt möglich, laufen, gehen oder stehen gar nicht, sitzen nur unter bestimmten Umständen. Dazu kommen unwillkürliche weit ausfahrende Bewegungen, die ich nicht unbedingt unter Kontrolle habe.

Nun auf den Alltag bezogen sitze ich im Rollstuhl, dessen Sitz ich gut ausgepolstert habe, und benutze den Sicherheitsgurt, um die Arme soweit fixieren zu können, damit ich meine Arbeit am Computer erledigen kann.

Da ich nun auch schon über 40 Jahre alt bin, war zu meiner Jugendzeit noch nicht daran zu denken, meine Bildung in einer "integrativen Schule" zu erhalten. Sollte ich eine Schulausbildung erhalten, war das mit einer Sondereinrichtung verbunden. So wanderte ich durch mehrere solcher Sondereinrichtungen um schließlich Abitur und Berufsausbildung zu erhalten.

Diese Sondereinrichtungen beinhalteten immer ein Internat oder Wohnheim mit Pflege, indem sich dann oft mehrere Schüler ein Zimmer teilten. Da blieb nicht viel intimer Freiraum übrig, es sei denn, man versuchte, sich solche Freiräume zu schaffen. Andererseits hat man im Internat auch, und gerade in der Pubertät, genügend Gleichgesinnte, mit denen man Sexualität gemeinsam erkunden kann. Ich habe beides erlebt und ausgelebt.

Zu Beginn meiner Pubertät stand mir erstmal meine Behinderung ziemlich im Weg. Auch ich war so erzogen worden, daß der Genitalbereich versteckt werden mußte. Dieser Bereich des Körpers durfte nur ans Licht, wenn er von Pflegekräften (männlich oder weibliche) gereinigt wurde, oder man sich entleeren mußte.

Bei der Reinigung sprich: Wenn Badetag war, kam es allerdings zu seltsamen Erscheinungen, die aus einem "Massenpflege"-Betrieb herrührten. Da wurde der ein Behinderte, weil es einfacher war, und schneller ging, auf seinem Bett entkleidet, während ein zweiter in der Badewanne war, und der dritte schon wieder bekleidet wurde. Nun, das führte natürlich auch zu Wartezeiten, weil vielleicht das Baden mal etwas länger dauerte. Und so fing ich an, meine Sexualität zu entdecken.

Dann stellte sich irgendwann das Problem der Befriedigung dieser sexuellen Wünsche. Die mangelnde Koordinationsmöglichkeit meiner Arme stellte dabei ein erstes Problem dar. Selbstbefriedigung im Rollstuhl ginge, aber wie die Öffentlichkeit ausschließen. Im Bett unter der Decke, wie bei "Big Brother", war keine Selbstbefriedigung möglich.

Ja, genau so war das! Wie bei "Big Brother"! Also hieß es seinen Verstand gebrauchen. In den Sondereinrichtungen wurde sehr viel Wert darauf gelegt, daß der Behinderte alles was er konnte selbst machte, auch wenn dies dann einen erheblich höheren Zeitaufwand bedeutete. Diese Zeit wurde von seiner Freizeitbeschäftigung abgezogen.

Ich lernte schnell, daß man erst angeleitet wurde, aber später dann ohne Aufsicht handelte, wenn man die Erwartungen (nahezu) erfüllte. Und so trickste ich dann das Erziehungspersonal aus, indem ich behauptete, ich sei ginant, und wollte meinen Genitalbereich selbst reinigen. Das ging nur im Rollstuhl! Und so bekam ich fortan jeden zweiten Tag die Gelegenheit, den Waschraum eine halbe Stunde allein zu besetzen.

In den Ferien zu Hause wurde das Spiel fortgesetzt, und das ganze führte dazu, daß ich mich langsam von der Pflege etwas löste. Aber das war ja nur eine Lösung, für mich allein! Bald aber wollte ich auch eine Freundin.

Nun, man versteckte sich hier und da, mußte aber immer gefaßt sein, erwischt zu werden, sei es vom Personal, oder von den Mitbewohnern. Also mußte man, wenn auch nur für Stunden, raus. Zum Rausfahren brauchte ich einen Elektrorollstuhl, und bekam einen.

Draußen stellte ich dann fest, daß die Umwelt nicht ganz so behindertengerecht ist, wie ich sie gebraucht hätte. Selbst eine Freundschaft zu einem nicht-behinderten Mädchen, führte ich nicht zum Ziel, weil: Man hatte keine Möglichkeit sich zurückzuziehen. Ich bekam zum ersten Mal mit, daß mein Problem nicht ursächlich behinderungsbedingt war, sondern daß andere das gleiche haben.

Das führte dazu, daß ich bei der nächsten Beziehung, diesmal war meine Freundin leicht gehbehindert, einen anderen Weg suchte. Ich war inzwischen 18, und hatte zum zweiten Mal die Schule gewechselt. In diesem Internat bekam ich zum ersten Mal ein Zimmer für mich. Nur, es war so hellhörig, daß man die Tür genauso auf lassen konnte.

Meine Freundin war in einem anderen Internat. Wir hatten uns bei einer Sommerfreizeit kennengelernt. Sie hatte in ihrem Internat nur ein Doppelzimmer, so daß dieser Ort auch nicht in Frage kam.

Also suchte und fand ich ein preisgünstiges, rollstuhlgerechtes Hotelzimmer in ihrer Nähe. Nun kam mir meine erworbene Selbständigkeit zu gute. Eine Frage blieb, wie komme ich hin. Risikobereit stürzte ich mich in das Abenteuer meiner ersten Bahnfahrt. Und, was soll ich sagen, es klappte!

Das Hotel stellte sich als Kurhotel zur Nachbehandlung von Hüftschädigungen heraus, und verfügte sogar über einen minimalen Pflegedienst, den ich aber aufgrund der relativ guten Einrichtung nicht benötigte.

So hatte mich mein Trieb wieder weiter in die Selbständigkeit geführt.

Auch der spätere Wunsch nach einer eigenen Wohnung, resultierte letztendlich daraus, daß ich in meinem Zimmer bei meinen Eltern, wo ich nach der Ausbildung lebte, nicht genügend Intimsphäre hatte, um meinen Sex leben zu können.
Sicher, heute sind meine Möglichkeiten durch den Verschleiß meiner Gelenke etwas eingeschränkter, und ich benötige wieder mehr Hilfen, auch beim Sex, aber meine Selbständigkeit habe ich noch, und meinen Sex auch. Dafür finde ich immer eine Lösung, denn das eine braucht das andere.

Man könnte jetzt noch viel erzählen, von dem Traum, eine Frau ohne Behinderung zu bekommen, oder von dem Traum, ein Baby auf den Bauch gelegt zu bekommen, aber das würde den Umfang dieser Seite sprengen.

Für mich ist und bleibt meine Sexualität eine der Hauptantriebsfedern in meinem Leben, und ich finde, das ist nicht behindert!

C.B.

Werner
avatar
Beiträge: 1

verfasst:
30.Jun 2006 - 20:21

Ich bin 26 Jahre alt und sitze seit meinem sechzehnten Lebensjahr durch einen Verkehrsunfall im Rollstuhl und bin ab dem 10 Brustwirbel abwärts komplett querschnittsgelähmt.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Rollstuhl nicht unbedingt ein Nachteil in der Partnersuche sein muss. Ich bin sehr sportlich und dadurch selbstbewusst und gehe auch von mir aus auf Frauen zu oder flirte wie ein "ganz normaler Fußgänger". Sicherlich ist es hilfreich für mich, dass ich vor meinem Unfall bereits Freundinnen und sexuellen Kontakt mit Frauen hatte. Ich kenne von bekannten Rollstuhlfahrern, die seit Geburt behindert sind, dass sie schon Ängste und mangelndes Selbstvertrauen haben, auf Frauen zuzugehen.

Ich kann nur sagen dass ich mehrere längerfristige Beziehungen zu "Fußgänger-Frauen" hatte und auch sexuell keine Beschwerden kamen.

Im Gegenteil, die Frauen sagten, es wäre schöner, weil man sich viel mehr Zeit zum Vorspiel nimmt und auch der Sex zärtlicher ist, als wie das ewige Rein/Raus/Abspritzen beim normalen Mann.

Ängste habe ich nur immer, wenn es bei einer neuen Beziehung zum ersten mal kommt. Die Ängste, es nicht zu bringen sind schon da, zumal ich mit Potenzspritzen nachhelfen muss.

Eine große Traurigkeit bereitet mir, dass ich immer nur der Befriediger bin. Da ich selbst nichts spüre, ist das auf Dauer unbefriedigend für mich und ich verliere auch dann relativ schnell die Lust am Sex. Der einzige Kick für mich bleibt dann nur eine neue Frau oder härtere Sachen zu machen wie Dildospiele, Analverkehr usw.

Ich finde, dass die Öffentlichkeit in den Medien mehr aufgeklärt werden sollte. Denn jetzt bedeutet behindert = sexloses Wesen in den Köpfen der Nichtbehinderten.

Werner
Wulf

Beiträge: 1

verfasst:
18.Jul 2006 - 17:26

Als Behinderter habe ich leider die Erfahrung machen müssen, Sexualität nur machen zu können, wenn ich dafür bezahle.

Obwohl immer wieder gesagt wird, es komme nur auf die inneren Werte an, ist es speziell für Frauen ohne eine Behinderung ein riesiges Problem. Es wird ständig erklärt, ich sei menschlich wertvoll, aber als Partner scheinen Frauen ohne Behinderung wohl eher einen Märchenprinzen zu wollen.

Als Fazit bleibt mir wohl der Trost, menschlich wertvoll zu sein, aber als Partner nur ein Mann zweiter Klasse.

Als Resultat der Ablehnung halte ich die Reden, Behinderte seien Menschen wie alle anderen auch, für lächerlich. Da die Gesellschaft dieses Thema Sexualität von Behinderten als Tabu behandelt lege ich keinen Wert darauf, mich in diese menschenverachtende Gesellschaft zu integrieren.

Wulf
Wolfgang
avatar
Beiträge: 16

verfasst:
18.Jul 2006 - 18:04

Hallo Wulf,

schau doch mal bei uns unter Liebe + Sexualität den Brief von Dr. med. Rudolf Richter an. Er schreibt sehr verständlich, offen und ehrlich über das Thema Behinderung und Sexualität.

Gruß Wolfgang

Nicht weil es schwierig ist, wagen wir es nicht,
sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwierig.
(Sokrates)

Stefan_O

Beiträge: 3

verfasst:
20.Aug 2006 - 14:07

Hallo Zusammen!

Die Frage" ob Behinderte Sex haben", hört sich im ersten Moment sehr beschränkt an, aber wird wohl zumindest häufiger gestellt, als man denkt.
Klar ist es meistens Unwissenheit. Meine Freundin wurde (und wird vermutlich!) häufig von Freundinnen und Freunden gefragt, wie es denn so sei mit einem impotenten Mann zusammen zu sein. Das ist für sie natürlich auch nicht gerade einfach auf soetwas souveräne Antworten zu geben, aber inzwischen hat man Antworten auf solche Fragen.
Lila
avatar
Beiträge: 1

verfasst:
21.Aug 2006 - 10:36

Hallo Stefan O,

mein Freund ist auch querschnittgelähmt und im Rollstuhl. Die dummen und teilweise dreisten Fragen zu Sex mit einem Behinderten höre ich leider auch sehr oft. Meistens lächle ich nur und antworte nicht. Aber manchmal würde ich gern eine treffende Antwort geben können.

Was sagt denn Deine Freundin in solchen Fällen zu den neugierigen Fragern ? Ein paar schlagfertige Antworten würden mir sehr helfen !

Danke !
Lila
andre

Beiträge: 1

verfasst:
6.Nov 2008 - 12:29

LilaHallo Stefan O,

mein Freund ist auch querschnittgelähmt und im Rollstuhl. Die dummen und teilweise dreisten Fragen zu Sex mit einem Behinderten höre ich leider auch sehr oft. Meistens lächle ich nur und antworte nicht. Aber manchmal würde ich gern eine treffende Antwort geben können.

Was sagt denn Deine Freundin in solchen Fällen zu den neugierigen Fragern ? Ein paar schlagfertige Antworten würden mir sehr helfen !

Danke !
Lila
ascspot

Beiträge: 2

verfasst:
30.Sep 2009 - 19:30

Offensichtlich scheint es doch sehr damit zu tun zu haben, ob man von Geburt an behindert ist oder ob eine Behinderung "erworben" ist, wie man so schön sagt, ob man ein sexuell erfülltes Leben lebt oder nicht.

Ich selber kam mit 17 J. in den Rollstuhl. Ich bin halbseitig gelähmt nach einem Aneurysma, und bin, so will ich es mal sagen, "so gerade" aufgrund von Willensstärke und Pi pa po kein Pflegefall; im Gegenteil, ich habe fünf Jahre allein gelebt. Ich will aber schon sagen, dass es mir teilweise ganz schön schwer fällt, mich zu bewegen, gerade auch da ich den rechten Arm nicht richtig benutzen kann.

Der Punkt ist, ich bin schwul... und in der körperorientierten Szenewelt, die ja bei uns ziemlich ausgeprägt ist, habe ich insbesondere ja wohl schlechte Chancen.

Das ist so. Trotzdem habe ich jetzt z.Zt. schon den zweiten "festen Freund", mit dem ich seit über einem Jahr zusammen wohne. Wir haben auch regelmäßig ganz ordentlichen Sex, wobei ich die Details jetzt den anwesenden Hetero-Männern ersparen will :-) ich bin ja tolerant!

Um bei der Sache zu bleiben: ich bin jetzt 29 J., und habe halt diese Beziehung... es gab aber auch eine Zeit, so mit 24 oder 25, da hatte ich Sex mit wechselnden Partnern. Als durchaus schwer Behinderter, der im Rolli sitzt und zum T-Shirt-Anziehen manchmal mehrere Minuten braucht. Ja das geht, und auch wenn ich das nicht ohne Stolz sage, aber was man braucht, ist Selbstbewusstsein. Man muss sich wirklich "lieben", ich denke das ist der Punkt.

Ich habe einen halbwegs guten Freund, der 25 (jetzt 26) ist und der noch nie Sex hatte. Er ist übrigens hetero und Spastiker von Geburt an. Sein Selbstbewusstsein ist gelinde gesagt eine Katastrophe... er hätte sogar mit 25 mal Sex mit einem knapp jüngeren Mädchen haben können, aber er hat in der Situation gekniffen.

Es ist schon was dran wenn man sagt, "Sex fängt im Kopf an".

Der Arndt
ascspot

Beiträge: 2

verfasst:
30.Sep 2009 - 20:03

WernerIch bin 26 Jahre alt

Eine große Traurigkeit bereitet mir, dass ich immer nur der Befriediger bin. Da ich selbst nichts spüre, ist das auf Dauer unbefriedigend für mich und ich verliere auch dann relativ schnell die Lust am Sex


Wie schade :-(

Bleibt einem leider nur das übliche Achselzucken... aber ich verstehe, was du meinst. Ich habe in meiner "sexmäßig wilden" Zeit auch sehr viel Lust am "Bodycount" gehabt, wie ich das immer genannt habe. Wobei ich gut reden habe, denn ich kann ja den Orgasmus noch spüren, auch wenn es mich z.T. sehr anstrengt, dahin zu gelangen.

Arndt